Weibliche Köpersprache lesen

–Das ist wieder mal typisch Frau!– Nicht nur selbstbewusste Frauen finden es unangebracht, wenn dieser Ausspruch aus der verstaubten Schublade geholt wird. Im Hinblick auf die Körpersprache ist eine oft gestellte Frage deshalb:
Müssen bestimmte Gesten bei Frauen anders gedeutet werden als bei Männern? Die Antwort darauf lautet: Seltener, als gemeinhin angenommen. Der entscheidende Unterschied liegt weniger in der Bedeutung der Gesten, als vielmehr in ihrer Anwendung.

Eine nicht unbeträchtliche Anzahl körpersprachlicher Signalen lassen sich eher bei Männern, denn bei Frauen beobachten. Kommen diese doch mal bei einer Frau vor, ist das Urteil `burschikose Matrone´ oft nicht fern. Positionen, die bei einem Mann selbstverständlich – wenngleich längst nicht immer angebracht -
sind, würde eine Frau schlichtweg nicht einnehmen, beispielsweise jene, bei denen der Genitalbereich offen präsentiert wird.

Weibliche Gesten – offener und weicher
Frauen haben einen sozialeren Charakter. Sie sind eher bereit, anderen Menschen Spielräume zu lassen. In der Körpersprache drückt sich dies durch weichere Bewegungen und eine entsprechende Gestik aus. Die geringere Inanspruchnahme des Raumes gehört dazu, ebenso wie viele kleine
Gesten, die mehr Offenheit beinhalten als bei Männern. Damit zeigen sie ihre Aufgeschlossenheit und ihre Bereitschaft, Andere(s) neben sich und ihren eigenen Ansichten zu akzeptieren. In Kommunikations- und Körpersprachetrainings lässt sich immer wieder feststellen, um wie viel mehr Frauen bereit sind, ihren eigenen Standpunkt zu verlassen und sich anderen
Sichtweisen zu öffnen. Das heißt nicht, dass sie unkritisch und fraglos fremde Meinungen übernehmen. Doch es beinhaltet eine Bereitschaft zur Selbstkritik, die in diesem Umfang bei Männern seltener zu finden ist.

Referieren Frauen vor einer Gruppe, setzen sie mehr als Männer die nach oben geöffneten Hände ein. Selbst wenn sie dies auf eine Weise tun, die zeigt, dass sie nervös sind, (indem sie z. B. mit den Händen `ringen´), bleibt es dennoch ein grundsätzlich positiveres Signal als beispielsweise die geballte Faust. Diese ist nicht nur verschlossener, sondern auch aggressiver. Männer neigen stärker dazu als Frauen. Sitzen zwei Frauen im Gespräch beieinander, kann man oft beobachten, dass sie ihre Hände mit nach oben geöffneten Handflächen ineinander legen. Von dort aus können sie das Gesagte kommentieren
und untermalen, was ein weiteres Zeichen ist, mit dem man auf sein Gegenüber eingeht. Zudem signalisieren nach oben geöffnete Hände Aufgeschlossenheit.

Die Augen
Im Allgemeinen wirkt ein offener, direkter Blick in die Augen sympathisch und entschieden und ist zudem ein Ausdruck von Wertschätzung, Respekt und Höflichkeit. Natürlich kommt es auch hier auf den Kontext, die beteiligten Personen und Details an, die das Gesamtbild ergeben. Der Augenkontakt beim Gespräch unter Geschäftspartnern ist etwas anderes als die Kontaktaufnahme durch Blicke zwischen Mann und Frau in einer Bar.

In letzterer Situation neigen Männer leider oft zum Glotzen, nach dem Motto: –Viel hilft viel!– Unabhängig von der Entfernung jedoch dringt ein starrender, glotzender Blick in die Intimdistanz eines Menschen ein. Dies kann beim Gegenüber bis zum körperlichen Unwohlsein führen. Mit der Auslegung des eigenen Distanzverhaltens sind Männer ohnehin weitaus großzügiger, wenn es um ihr eigenes Interesse geht.

Weitere körpersprachliche Signale, in denen sich die Geschlechter unterscheiden, sind:

Ellbogen bleiben nah am Körper
Frauen nehmen weniger Raum ein, wenn sie sich körpersprachlich ausdrücken. Obwohl uns unsere Arme die Möglichkeit geben, uns rund um unseren Körper auszubreiten, halten Frauen ihren Ellbogen deutlich näher am Körper.
Dies gilt beim Einsatz der Hände und Arme, zum Beispiel bei der gestischen Untermalung eines Gespräches und auch beim Handgruß, es sei denn, die Frau möchte sich die Person, die sie begrüßt, ein wenig vom Leibe halten. Männer agieren häufiger aus dem Schultergelenk, strecken also den Arm weiter vom Körper weg.

Verschränkte Arme
Eine der am häufigsten falsch interpretierten Gesten, die verschränkten Arme, ist eines der Signale, das sowohl von Frauen wie auch von Männern genutzt wird. Hier allerdings lässt sich die Bedeutung durchaus unterscheiden. Mal abgesehen von den Situationen, in denen diese Position eingenommen wird, weil man nichts zu tun hat, die Arme also sozusagen ungenutzt `ablegt´,
setzen Männer sie in anderen Zusammenhängen wesentlich häufiger zur Abgrenzung von Personen, Situationen oder Ansichten ein. Damit schaffen sie eine Barriere zwischen sich und dem, was sie ablehnen. Frauen nutzen sie weit häufiger als Schutzsignal und deuten auf diese Weise eine Selbstumarmung an. Dies kann beispielsweise auch der Schutz vor der Kälte sein: Es
ist die klassische –Frauen frieren Geste–, mit der sie sich ein weiteres Mal klar von Männern unterscheiden, die man auf diese Weise kaum der Kälte trotzen sieht. Stattdessen stecken sie beide Hände in die Hosentaschen, legen die Arme eng an den Körper und ziehen die Schultern nach oben.

Der –halbe Verschränker–
Mit dem –halben Verschränker– variiert die Frau die Geste der verschränkten Arme. Dabei liegt ein Arm fest am Körper an, an diesen greift sie mit dem anderen über ihre Brust hinweg. Auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit hält sie sich an sich selbst fest.

Arme und Hände beim Spaziergang
Achten Sie mal darauf: Wenn Mann und Frau spazieren gehen, gibt es verschiedene klassische Varianten, wie sie sich miteinander –verbinden–: Entweder, sie gehen Hand in Hand oder mit ineinander eingehakten Armen. In beiden Fällen ordnet sich üblicherweise die Frau unter: Beim Händchen halten ist es fast immer die Hand des Mannes, die vorn liegt. Ausnahmen gibt es in den Partnerschaften, in denen die Frau den dominanteren Part in der Beziehung innehat. Ebenso können hierarchische Positionen Einfluss nehmen: Als Prinzessin Victoria von Schweden mit ihrem Mann Daniel im Mai 2011 München
besuchte, sah man die beiden oft Hand in Hand durch die Menge gehen. Auf den Aufnahmen ist deutlich erkennbar, dass es ihre Hand ist, die dabei meist vorn liegt. 
Das Einhaken ist nur auf den ersten Blick ausgeglichen: Denn während der Mann seinen Arm einfach seitlich abwinkelt und seiner Partnerin anbietet, schlüpft diese sozusagen von hinten mit ihrem Arm in seine Armbeuge
und übergibt - wieder einmal - ihm die Führung.

Beinschere
Die Beinschere wirkt unsicher und will Distanz schaffen zum Umfeld, in dem man vermutlich niemanden kennt und sich unwohl fühlt. An Bushaltestellen begegnet uns diese Haltung häufig, ebenso auf Partys und anderen Anlässen, bei denen wir uns fremd fühlen.
Zu beobachten ist sie jedoch häufiger bei Mädchen und jungen Frauen. In Kombination mit großen Augen und einem Hilfe suchenden Blick weckt diese Position den Beschützerinstinkt, kommt ein scheinbar naiv in den Mund gesteckter Finger hinzu, ergibt sich eine Geste, die mit der klassischen
Lolita assoziiert ist.

Ebenso wie Frauen verfügen auch Männer über einen geschlechtsspezifischen Gestenfundus. Dem allerdings würde eine Frau sich vermutlich eher nicht anschließen wollen. Nur allzu häufig nämlich liegt dieser in der Betonung ausschließlich –genitaler Kompetenzen–, zum Beispiel beim –Sofafläzer–, bei der –Duellposition– oder bei der klassischen –Anmachgeste–, bei der die dominanten Daumen in den Hosenbund gesteckt werden und beide Hände
auf diese Weise den Genitalbereich einrahmen.

Auch, wenn natürlich nicht jede typisch männliche Geste Ausdruck mangelnden Intellektes ist; der Ausspruch –typisch Frau– gewinnt vor dem Hintergrund manch männlicher Selbstdarstellung an Sympathie eindeutig hinzu.

Autor: Jan Sentürk, Experte für Körpersprache 

16.12.2011